Zwang zur Kreativität

Gedanken zu den Herausforderungen von Studienabsolventen auf der Jobsuche

Nach manchem Studium hat man noch alle Optionen offen - für die einen Segen, für die anderen Fluch...

Germanisten, Historiker, Theaterwissenschaftler, Linguisten, Literaturwissenschaftler, Soziologen, manchmal sogar Biologen und viele andere auch – sie alle verbindet etwas. Sind sie fertig mit dem Studium, warten nicht viele maßgeschneiderte Jobs auf sie. Dafür passen ihre Qualifikationen auf viele Arbeitsplatzbeschreibungen ein bisschen – und plötzlich müssen sie sich selbst erst einmal neu definieren.

Wer bin ich eigentlich?

Die Schwierigkeiten gehen schon los, wenn man sich bei einer Party anderen vorstellen muss. Hat man zum Beispiel einen Magister-Abschluss in den Fächern Medienwissenschaft und Slawistik, gibt es nicht wie bei Lehrern, Juristen oder Medizinern eine (oder wenige), sondern viele Antwortmöglichkeiten:

  • „Hallo, ich bin Journalist!“, kann man sagen.
  • „Guten Tag, ich bin PR-Spezialist!“
  • „Hi, ich bin Webredakteur!“
  • „Moin, ich bin Sprachwissenschaftler!“
  • „Ich bin gelernter Übersetzer“ oder eben auch:
  • „Hallihallo, ich bin Spezialist für slawische Literatur und die Kultur Osteuropas!“

Und da hat man nur zwei Hauptfächer studiert, nicht ein Hauptfach und zwei Nebenfächer. Mit jeder Party kann man sozusagen in eine neue Identität schlüpfen.

Nicht immer ist es aber leicht, der Familie, der Nachbarin oder der Mitfahrgelegenheit überzeugend zu vermitteln, was das Studium bringen soll. Wer kennt ihn nicht, den Satz: „Hä, und was willste dann damit machen?“

Gerade Geisteswissenschaftler müssen sich nach dem Studium erst einmal selbst definieren.

Wo will ich hin?

Der norwegische Schriftsteller Erlend Loe (hier sein Twitter-Account) lässt seine Hauptperson im Roman „Naiv. Super!“, einen über das Leben grübelnden Akademiker, frei übersetzt folgende Sätze denken:

„Ich bin Magister und weiß nicht, was ich werden will. Das ist ein Problem für mich. Ich will am liebsten einer werden, der die Welt etwas besser macht. Das wäre das beste. Aber ich weiß nicht, ob das geht. Ich weiß nicht, was man braucht, um die Welt besser zu machen. Ich weiß nicht genau, ob es reicht, einfach alle anzulächeln, die man trifft. Das zweitbeste wäre, einer zu werden, der keinen Unterschied macht. Einer, der die Welt weder besser oder schlechter macht. Das ist vielleicht nicht ganz befriedigend, aber ich glaube, es gibt viele in dieser Kategorie. Ich wäre nicht allein.“

Fluch oder Segen

Zweifellos lernt man vieles bei einem Studium. Steht man dann aber auf dem Jobmarkt, muss man sich – besonders als Geisteswissenschaftler – erst einmal selbst bewusst werden, welche Kernkompetenzen man eigentlich hat und mit was man einmal arbeiten will. Denn auf viele Jobausschreibungen passen die eigenen Fähigkeiten ein bisschen. Man muss nicht nur selbst genau wissen, was man will, man muss auch andere überzeugen. Beim Bewerbungsschreiben und im Einstellungsgespräch muss man sich gut verkaufen können – das ist meist nicht Inhalt des Studiums. Einige Studenten wissen trotz breiten Studieninhalten, genau, welchen Job sie wollen – oder freuen sich auf die vielen spannenden Optionen, die sie an Unerwartete Orte führen könnten. Andere wiederum haben weder bei der Studienwahl noch in ihrem Studentenleben eine konkrete Vorstellung entwickelt, was sie danach machen wollen. Wird sich schon was finden. Doch die Jobsuche kostet wegen der Definitionsbreite der eigenen Kompetenzen besonders viel Eigenenergie und nicht wenige Ex-Studis enden erst einmal in Jobs zweiter Wahl (womöglich an der berühmten Kasse im Supermarkt). Findet man als Studienanfänger nach einem geisteswissenschaftlichen Studium doch Arbeit in relevanten Branchen, dann oft erst mal als schlecht bezahlter Volontär, Freelancer oder gar als Praktikant.

Vielleicht relevante Links für Leute mit ähnlichen Sorgen – Ergänzt uns gern per Kommentar:

Beispiel-Jobbörse für Geisteswissenschaftler

Spätere Stundenlöhne, sortiert nach Ausbildung

Jobratgeber empfehlen gerade Geisteswissenschaftlern zum Berufsstart statt jahrelangen Praktika die Selbstständigkeit oder Quereinstiege in andere Fachgebiete

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