Wie Siemens den Begriff „Nachhaltigkeit“ umdefiniert…

Dass ein global tätiges und erfolgreiches Unternehmen wie Siemens sich auf einem „Fachtag für soziale Innovationen“ blicken lässt, lässt Hoffnung aufkeimen.

Ausnahmsweise geht es dabei sogar einmal nicht um Corporate Social Responsibility (also gesellschaftliche Unternehmensverantwortung), sondern um Nachhaltigkeit und wie Siemens das Wissen seiner Mitarbeiter zu diesem Thema schöpfen und nutzen will. Es geht um Partizipation und die Wertschätzung von praxisnahem Erfahrungswissen.

Überraschenderweise will Siemens auf der untersten Hierarchie-Ebene anfangen. Arbeiter in der Produktion, am Fließband, sollen die Gelegenheit bekommen, ihre Erfahrungen der Konzernleitung mitzuteilen. Konkret gesagt: Sie sollen zeigen, wo Ressourcen und Geld gespart werden können in ihrem Tätigkeitsbereich. Siemens ist überzeugt, durch diese Botton-up Strategie das Unternehmen nachhaltiger, ressourceneffizienter und vor allem profitabler zu machen.

Klar könnte man jetzt meckern:  Wenn die Konzernleitung ein konkretes Problem hat, soll der kleine Fließbandarbeiter plötzlich partizipieren und Wissen beitragen. Wenn das Problem dann gelöst ist, soll er aber gefälligst auch wieder still und hirnlos weiter arbeiten. Strukturen werden mit diesem Projekt nicht aufgebrochen.

Ein wesentliches weiteres Manko am Vorhaben bleibt jedoch beim Publikum des Fachtags für soziale Innovationen unkommentiert.

Leiharbeiter zählen nicht mit

Siemens will seine Stammbelegschaft stärker in Strategie – und Effizienzprozesse einbeziehen. Aber wer ist eigentlich diese Stammbelegschaft? Wie fast alle großen produzierenden Unternehmen in Deutschland arbeiten auch bei Siemens an der tatsächlichen Herstellung von Gütern beinahe ausschließlich Leiharbeiter. Wo es nur geht, werden Dienstleistungen an Subunternehmen  ausgelagert. Diese Gruppen werden nicht nur schlechter bezahlt als die Stammbelegschaft, sie haben auch kaum Arbeitnehmerrechte. Im Prozess der partizipativen Wissensschöpfung sind sie im Moment nicht involviert und werden es auch zukünftig nicht sein. O-Ton der Siemens-Vertretung dazu: „Leiharbeiter interessieren uns nicht. Die sind ja in einem anderen Unternehmen angestellt.“

Nun könnte man Siemens bemitleiden, dass ihnen dieses Wissen der Leiharbeiter und Subdienstleister in ihrem Prozess also niemals offenbart wird. Viel bedauerlicher ist dieses Statement aber für die vielen tausenden Leiharbeiter, die nicht nur in unsicheren Arbeitsverhältnissen viele Stunden für wenig Geld schuften, sondern auch von der Unternehmensleitung weder anerkannt noch wertgeschätzt werden. Siemens‘ Definition von Humankapital zeigt: Das Thema ökologische Nachhaltigkeit kommt langsam in der Gesellschaft an. Zur sozialen Nachhaltigkeit ist es allerdings noch ein weiter Weg.

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