Zum Nachdenken: Lieber halbherzig Öko als gar nicht?

Nachdenken

Sonntag Vormittag auf einem schicken Spielplatz, dessen Klettertürme die wichtigsten Türme der Stadt nachbilden, im Kopenhagener Szene-Stadtteil Østerbro: Es ist bewölkt, kalt und auf dem Spielplatz halten gleich zwei kleine Kaffee-Mopeds, die den Eltern aus den gehobeneren Kopenhagener Hipster-Schichten teuren Bio-Fairtrade-Kaffee in Pappbechern verkaufen. Rund um den eingezäunten Spielplatz parken die teuren Christiana-Lastenräder, in denen man bis zu vier Kinder transportieren kann.

Der Mülleimer voll Pappbecher vom Bio-Fairtrade-Kaffee to go

Wir waren ausnahmsweise einmal gut vorbereitet und hatten unseren eigenen (Bio-Fairtrade)-Kaffee in der Thermoskanne und zwei Keramikbecher dabei. Mit Blick auf den mit Pappbechern gefüllten Mülleimer musste ich nachdenken. Alle diese Leute hier bemühen sich ihren Familienalltag nachhaltig zu gestalten. Sie fahren viel Rad, kaufen die teureren Bioprodukte und parfümfreie Pflegeprodukte mit Bio-Siegel (für die ich Dänemark liebe).

Bio-Fairtrade-Coffee to go auf dem Großstadtspielplatz.

Bio-Fairtrade-Coffee to go auf dem Großstadtspielplatz.

Spätestens beim Coffee to go erliegt man aber im Alltag der Versuchung. Oder vielleicht beim Griff ins Supermarkt-Regal, wo jetzt im Winter die Bio-Blaubeeren aus Chile stehen. Oder beim Kauf eines Flugtickets für die nächste Berlinreise, weil es die Reisezeit so unglaublich verkürzt.

Sind wir pseudo-nachhaltig?

Oder, oder, oder. Man kann die Liste noch ewig weiter führen und ich nehme mich da nicht aus. Im Alltag treffen immer wieder nachhaltige Ambitionen auf die eigene Bequemlichkeit, die Liebe zum Luxus und zum Genießen. Dann kommt von manchen engagierten Mitmenschen mit hohem Umweltanspruch oft ein Aufschrei, weil man das natürlich viel besser machen kann. Weil das doch nur Pseudo-Nachhaltigkeit sei. – So war heute Vormittag auch meine erste Reaktion angesichts der vielen einmal benutzten und dann entsorgten Pappbecher.

Besser als gar nicht?

Aber ist es nicht besser, wenn viele Menschen einen ersten Schritt machen, als gar keinen? Wenn sie an sich arbeiten und ihr Verhalten langsam ändern? So eine Umstellung geht schließlich nicht von heute auf morgen und Bio-Fairtrade-Kaffee in Pappbechern ist immer noch besser als mit Pestiziden gespritzter Standard-Kaffee aus Plantagen, wo Minderjährige schuften mussten, in Pappbechern. Oder was sagt ihr?

Zum Schluss: Eigenwerbung 😉

Für weitere Anekdoten aus dem Kopenhagener Großstadt-Alltag empfehle ich mein Buch „Ein Jahr in Kopenhagen – Reise in den Alltag“ (Verlag Herder 2014, ISBN 978-3-451-06734-1).

Advertisements
Comments
16 Responses to “Zum Nachdenken: Lieber halbherzig Öko als gar nicht?”
  1. Hallo Marlene!

    Das ist eine schwere Frage. Ich habe ja vor kurzem über meinen Paretoansatz zu dem Thema geschrieben.

    Allerdings würden da regelmäßig coffe-to-go Becher nicht reinfallen, das sind dann keine 80% mehr. Aber jeder hat so seine Schwachpunkte, ich kann den mit dem Kaffee nicht nachvollziehen, da ich keinen trinke.

    Dafür würde ich nie auf Schokolade verzichten, auch wenn ich sie gerade einschränke.

    lg
    Maria

    Gefällt mir

  2. Schwierig. Grundsätzlich würde ich sagen lieber ein wenig Öko als gar nicht. Halbherzig wäre ja schon wertend mit nach meinem Geschmack leicht negativer Tendenz. Für mich ist aber neben Öko auch Nachhaltigkeit wichtig. Was will ich mit Ökotomaten aus Spanien, die quer durch Europa gekarrt werden und auf dem Markt könnte ich Tomaten aus der Region erwerben. Und wir haben unseren Tee und Kaffee auch zum Spielplatz mitgenommen als vor Ort den Pappkonsum zu fördern. Aber es geht ja vielleicht auch darum, was würden die Leute machen, wenn es nicht gerade hipp wäre Bio- und Fairtrade Kaffe zu trinken?

    Gefällt 1 Person

    • Marlene sagt:

      Das stimmt, aber besser ist, wenn Nachhaltigkeit hip ist! Für mich persönlich ist es ein ein ewiges Abwägen zwischen öko und regional. Wegen meiner Angst vor ungesunden Pestiziden, gewinnt oft das Biosiegel. Aber ich bemühe mich auch um saisonales Obst und Gemüse und perfekt ist es ja, wenn es sowohl bio als auch regional und saisonal passend ist!
      Schönen Sonntag noch!
      Viele Grüße, Marlene

      Gefällt 4 Personen

  3. motessa sagt:

    Auf jeden Fall! Ich denke es geht doch ums allgemeine Bemühen. ich finde es schwierig wenn jemand windelfrei praktiziert, keine Antibiotika verwendet und alles Bio isst – aber 4 Autos besitzt. Wir haben kein Auto, kaufe lokales ein, dafür selten Bio. Und wenn jemand meinen Kartoffelsalat ablehnt weil er mit Hühnerbrühe angemacht ist stimmt mich das nicht sehr freundlich dem ganzen Veganen gegenüber…

    Gefällt 3 Personen

    • Marlene sagt:

      Bei Kartoffelsalat wäre ich jetzt gar nicht auf die Idee gekommen nach Fleisch zu fragen 😉 ich finde auch, es geht um das Bemühen, jeder in seinem Tempo und jeder seiner aktuellen Lebenssituation entsprechend. Wichtig ist, darüber nachzudenken warum man etwas macht und auch tolerant anderen gegenüber zu sein, die sich ebenfalls bemühen, aber vielleicht gerade andere Prioritäten gesetzt haben.
      Liebe Grüße,
      Marlene

      Gefällt 2 Personen

  4. anne sagt:

    Ich glaube auch, dass es um die tägliche Auseiandersetzung und vor allem um Information geht – vielleicht sind die noch gar nicht auf die Idee gekommen, dass das Mist ist (ist ja bestimmt auch Recycling-Pappe). Ich versuche mir gerade anzugewöhnen, nach zu fragen: woher kommt das Fleisch, kann ich das ohne Verpackung haben, etc. Vielleicht lohnt es sich, beim Kaffeemobil mal anzuregen, Tassen zu verleihen (wie auf dem Weihnachtsmarkt) oder eben mit Eltern auf dem Spielplatz ins Gespräch zu kommen und darauf hin zu weisen, dass das ein bißchen quatschig ist. Ich bin fst davon überzeugt, dass jeder einzelne von uns was Gutes tun kann. Und werde durch das Lesen eurer Blogs darin bestärkt – ist ja auch eine Art der Information!
    Herzliche Grüße,
    Anne

    Gefällt 2 Personen

  5. Zora sagt:

    Ich finde es immer schwierig, wenn nur Menschen mit „reiner Gesinnung“ Ökos sein dürfen – also wahre, echte Ökos im Gegensatz zu Trendökos 😉 Gleichzeitig finde ich es genauso schwierig, wenn sich Mensch subjektiv für wahnsinnig grün halten, es aber de facto nicht sind. Dabei ist mir aber fair Kaffee im Pappbecher hundertmal lieber als konventioneller aus Plastikbechern. Und wer z.B. auf eine Flugreise verzichtet, kann einige Pappbecher verballern und hat immer noch die bessere Bilanz… Der volle Mülleimer ist bloß deutlicher zu sehen.
    Ich kann von mir sagen, dass ich mit Verpackung und Müll generell jahrelang einen blinden Fleck hatte, weil ich ja mit dem Einkauf im Biomarkt schon meinen Teil getan hatte. Es war mir 0,0 bewusst, was ich da eigentlich tue.

    Was ich machen würde? Entweder mit den anderen Eltern zusammen Kaffee trinken, aus meinem Keramikbecher und auf Kommentare warten, oder mit den Kaffeeverkäufern reden. Ein Rabatt für Menschen mit eigenem Becher spart ihnen die Spülerei und kann gleichzeitig die Kunden anregen, einen Becher mitzubringen. Es gibt sogar Läden, die führen eine werbewirksame Strichliste, wieviele Kunden in der Woche eigene Becher dabei hatten. wer fairen Kaffee verkauft ist für so einen simplen Weg, sich noch öko-korrekter zu präsentieren ja vielleicht offen.
    LG Zora

    Gefällt 2 Personen

    • Marlene sagt:

      Hallo Zora,
      cool, so einen Laden mit Strichliste habe ich noch nicht gesehen – find ich aber klasse! Eben genau, weil ich mal unterstelle, dass da viele einfach nicht dran gedacht haben bisher. Und wenn wir gestern nicht gerade so gut vorbereitet gewesen wären, hätten wir uns auf dem Spielplatz vielleicht dann auch vom leckeren Kaffeegeruch locken lassen! Im Grunde gilt sicher: Niemand ist perfekt, aber so lange man weiter an sich arbeitet… Bin ich die letzte, die meckert.
      Liebe Grüße,
      Marlene

      Gefällt 1 Person

  6. gruenzwerg sagt:

    Hallo Marlene, ich habe fast täglich diese Diskussion mit meiner Schwägerin… Ein Loha aus dem Bilderbuch! Nur Bio, nur gesund, Yoga, usw… Aber eben Konsum pur, alles in Plastik. Verpackt, mit diversen Tüten nach Hause gebracht… Klar, ich versuche sie immer wieder anzustupsen, aber sie ist eben so ein Luxusdämchen, und. Sie würde auch so kaufen kaufen kaufen… Nur eben. Nicht Bio und fair, wenn das nicht so hip wäre… Dilemma, aber letztendlich tut jeder das was er kann. Ich habee auch einige wunde Punkte, mit denen ich immer wieder kämpfe, aber einfach noch. Nicht darauf verzichten kann ohne meine momentane Lebensqualität einzuschränken:-( ichdenke, das wichtigste ist die Auseinandersetzung! Du machst dir Gedanken, und vielleicht haben einige eure Tassen gesehen und bringen auch welche. Mit das nächste Mal … Und. Die Idee, die Kaffeewagen anzusprechen finde ich toll! Nur. Kein Stillstand, ich denke, darauf kommts an!
    Viele Grüße von der Zwergenmama

    Gefällt 2 Personen

    • Marlene sagt:

      Hallo Zwergenmama,
      ich kann mir die Schwägerin lebhaft vorstellen (liest sie mit in den Blogs? 😉 Ich muss sagen, ich finde es immer noch besser, wenn sie weil es trendy ist bio & fair kauft, als wenn sie einfach so viel konsumiert. Dann kurbelt sie wenigstens den Markt für Biofaireprodukte an. Aber da brauchen wir uns auch nicht wundern, wieso sich so viele in extrem viel Plastik verpackte Bioprodukte immer noch so gut verkaufen, wenn ein Teil der Verbraucher das vielleicht ganz selbstverständlich hinnimmt. Manchmal braucht Einsicht auch ein paar Jahre, vielleicht gibt der Trend bei einigen den Anlass, sich mal genauer mit der Materie zu beschäftigen und umzudenken.
      (Die Hoffnung stirbt zuletzt)
      Liebe Grüße, Marlene

      Gefällt 1 Person

  7. Was für ein interessanter Artikel und für eine interessante Frage, die du da stellst. Ich bin weit davon entfernt im Bezug auf Nachhaltigkeit perfekt zu sein, aber ich arbeite an mir. Mein größtes Problem ist, dass ich oft nicht richtig vorbereitet bin. Heute zum Beispiel hätte ich eigentlich pünktlich zum Mittagessen zu Hause sein sollen, stattdessen hat mich mein Professor bis um 16 Uhr dabehalten und ich habe stundenlang Aktenberge abgeheftet. Und was hab ich gemacht, als ich endlich auf dem Weg nach Hause war? Mir am Bahnhof ein belegtes Brötchen gekauft, denn bis 19 Uhr wäre ich wohl verhungert. Da war bestimmt nichts bio oder regional. Da hab ich mich echt über mich selbst geärgert :/

    Gefällt mir

    • Marlene sagt:

      Keine Sorge – das kenne ich zur Genüge und für den Notfall kann man auch nicht immer extra was dabei haben! Vermutlich geht es bei allen Dingen immer noch ein bisschen besser. Nimmt man schon den Bus, könnte man noch radeln. Kauft man bio, könnte man es noch lokal oder unverpackt bekommen. Und so weiter. Aber ich glaube, entscheidend ist, dass man weiter an sich arbeitet und Siegel und Sinnhaftigkeit auch in Frage stellt 🙂
      Viele Grüße und danke fürs Mitdiskutieren!
      Marlene

      Gefällt 2 Personen

  8. Hallo Marlene,

    wo will man da anfangen? Mich nervt das Thema Nachhaltigkeit eher langsam. Wenn man alles unter dem Aspekt sieht, muss man sich ja völlig bekloppte Fragen stellen: Darf ich dann überhaupt ein Buch drucken lassen oder eins kaufen oder am Laptop mit seltenen Erden tippen? Kinder haben? Machen ja auch nur Müll. Sorry. Mal übertrieben ausgedrückt. Und rettet das nun die Welt weil wir nicht fliegen?

    Coffee to go hab ich mir z.B. noch nie gekauft. Aber Erdbeeren diese Woche. Einfach weil ich mein Leben genießen will. Und auch nur einmal lebe. Und auch gar keine Lust habe ständig mir drum Gedanken zu machen. Dafür fahr ich kein Auto. Kapselkaffee lehne ich auch ab. An Bio glaube ich nicht. Wächst auch unter Plastikfolie. Premiumbio kann, nein will ich mir nicht leisten. Für die nächste Fairtrade Schokolade laufe ich nicht 1 km. Ja, o,5 km ist die entfernt von mir. Hab recherchiert. Im Internet bestellen fände ich auch doof. Und dann gibt es ja noch die Kritik an Fairtrade. Ist das überhaupt alles so fair?

    Und hab ich überhaupt Lust das alles zu studieren oder will ich den Tag genießen und meine gute Laune behalten?

    Liebe Grüße und ein schöner Artikel
    Tanja

    Gefällt mir

    • Marlene sagt:

      Hallo Tanja,
      Natürlich kann man beim Thema Konsum und Nachhaltigkeit übertreiben oder gar in die falsche Richtung laufen. Am wichtigsten finde ich eigentlich, dass man sich Gedanken über seinen Konsum und Ressourcenverbrauch macht. Warum man was bestimmtes macht und kauft. Was einem wichtig ist und was nicht. Das hast du schließlich auch gemacht und das finde ich gut. Ich habe meine Ansprüche an mich selbst relativ hoch gesetzt und will schauen, wie ich das ein oder andere verbessern kann. Aber auch ich gehe mit mir selbst Kompromisse ein. Und ich gebe dir recht, man muss auch sein Leben genießen können.
      Zum Weltretten gibt es sicherlich noch ganz andere, womöglich effektivere Ansätze – politisch und in NGOs.
      Viele Grüße,
      Marlene

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: